Kursauftakt

Wie es hieß, kann man die Lektionen ja irgendwo durcharbeiten, sofern man nur einen Computer mit Internetanschluss hat. Zur Einweisung gibt es aber eine grundsätzliche Einweisung in das Konzept und dann solle man die erste Lektion lieber im Trainingscenter machen, damit man sich mit der Technik einarbeiten könne. Und nachdem unsere Vertragsverhandlungen ja zur Hälfte oder mehr in Englisch stattgefunden hatten wies mich mein Bearbeiter noch extra darauf hin, dass die Einweisung aber wirklich in Deutsch gemacht werde müsse, aus rechtlichen Gründen.

Ob diese rechtlichen Gründe nun ein Missverständnis waren oder ignoriert wurden oder wie auch immer, jedenfalls fand die Einweisung komplett in Englisch statt. Mir war das egal, aber ich hab mich schon gefragt, wie das eigentlich mit Anfängern laufen soll. Ich war auch nicht sicher, ob die Dame überhaupt genügend Deutsch sprach, um das ggf. in dieser Sprache leisten zu können. Jedenfalls haben wir eine Beispiellektion durchgezogen, deren Konzept mir nicht sonderlich innovativ vorkam, aber letztendlich führt ohnehin kein Weg am Vokabellernen vorbei, egal, wie man es anfängt. Man kann den Weg nur so oder so gestalten. Und dieser war eben so.

Dann setzte ich mich an einen der dortigen Rechner und begann die Lektion, die für mich als passend erkannt worden war. Es begann eine Lektion, die man in einer normalen Sprachschule kurz nach der allerersten Bekanntschaft mit der Sprache vermuten würde. "Hi! My name is Kate. And this is my friend Judy. Judy works at the hotel. The hotel is around the corner." So ähnlich wurde mir ein Text vorgesetzt. Mit ständigen Aufforderungen, die Klippschultexte zu wiederholen, keiner Möglichkeit die Sache irgendwie zu beschleunigen oder abzukürzen. Jedes winzige Übungsfitzelchen ist mit einer Nummer versehen, keine kann übersprungen werden, keine ausgelassen. Ein Nachweis tatsächlich gelernten Stoffes ist nicht in allen Fällen nötig, sofern man nur wenigstens die Zeit absitzt. Das ist also 'Waystage' nach Lesart von Wall Street. Was ist dann ein Anfänger?

Ich wollte ein braver Teilnehmer sein und die Sache wenigstens einmal durchziehen. Es dauerte eine Stunde, in der ich gezwungen war mich auf ein Niveau zurückzubegeben, das ich vor 30 Jahren hinter mir gelassen hatte. Und dafür hatte ich nun eine schlappe Stunde Fahrt jeweils hin und zurück, eine weitere Stunde mit dem Test und noch gut 2.500 Euro bezahlt? Nein, das ging so auf keinen Fall. Ich ging zu meinem Bearbeiter und forderte ihn auf, mich aus dem Vertrag zu lassen. Ob das Niveau zu niedrig wäre? Ja, sagte ich, aber das ist nicht das Hauptproblem (das dachte ich damals noch), ich kann einfach dieses stumpfsinnige Schema nicht aushalten. Ein anderes Niveau schien mir kein Problem, schließlich hatte ich ja 'All you can learn' bezahlt, also könnte ich natürlich auch einen höheren Kurs belegen, dachte ich. Mein Bearbeiter zeigte sich mit dem Ansinnen überfordert und verwies mich an die zufällig anwesende "Servicemanagerin Deutschland" (oder so ähnlich). Mit ihr führte ich ein Gespräch von ca. 15 min komplett in Englisch, vermutlich sprach sie auch gar kein Deutsch. Ich habe ihr wieder von meinen 30 Jahren Praxis mit Englisch erzählt, von der Prüfung die ich hatte und der, die ich in Angriff nehmen wollte und sie entschied dann freihändig, ich solle in eine höhere Stufe kommen, die sich 'Threshold 2' nennt. Ich wäre "definitiv nicht 'Waystage'", wie sie meinen Bearbeiter anfunkelte. Dieser war sprachlos, dass sie das ohne Test habe entscheiden können und sagte, ich solle erst einmal das ausprobieren, dann könne ich noch immer kündigen. Etwas dergleichen hatte auch die Servicemanagerin zu mir gesagt. Natürlich alles in schalldicht abgeschlossenen Räumen, wie im Testcenter üblich. Ach ja: und ich dürfe in den Konversationskurs auf dem obersten angebotenen Niveau 'Mastery' gehen. Da war ich nun wieder skeptisch, weil ich mich nicht als meisterlich betrachte, aber testen wollte ich die Sache doch. Vielleicht konnte ich dem Kurs ja irgendwie folgen.

Als ich zum Konversationskurs 'Mastery' ging, waren da außer mir vier Damen und eine Trainerin, die auch neu in dem Kurs war. Sie fing die einstündige Veranstaltung deshalb an mit der Aufforderung an jede der Anwesenden, sich vorzustellen und mitzuteilen, warum man bei Wall Street ist. Von einer so komplexen Fragestellung waren meine Mit-Teilnehmerinnen schon sehr gefordert. Sie strauchelten und stolperten sich mit starkem Akzent durch einfachste Sätze, teilweise, nachdem sie nach eigener Aussage bereits mehrere Jahre Englisch bei WSI gelernt hatten. Danach haben wir gerade noch diese Aufgabe geschafft. Das war also die Wall Street-Version von 'meisterlich'. Mich erfasste das kalte Grauen. Ich habe mir im Kurs nichts anmerken lassen, die Anwesenden waren ja unschuldig, aber spätestens jetzt war klar, dass nicht nur ich das Konzept nicht mag, sondern dass dabei auch tatsächlich nichts gelernt wird. Dies ist nicht der Ort, mein Seemannsenglisch in Richtung Oxfordenglisch zu optimieren. Ich würde nach Hause gehen und sofort kündigen, so lange die Rücktrittsfrist noch läuft.

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