Gutachten zu den Kursunterlagen

Um das Gericht vom Wahrheitsgehalt meiner Erklärungen zu überzeugen, gab ich ein Gutachten in Auftrag, das folgendermaßen ausfiel:

Paul Walsh (...)
7. April 2014

Bewertung der vorliegenden Schulungsunterlagen von Wall Street English, Threshold 2

Sehr geehrte Damen und Herren,
Ich heiße Paul Walsh und bin seit 2005 als Englischlehrer tätig. Ich habe Schüler nach den Vorgaben des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen (CEFR/GER) von der Stufe A1 bis hin zur Stufe C2 unterrichtet. Ich bereite seit meinem ersten Jahr als Englischlehrer auch Teilnehmer auf die Cambridge-Prüfungen vor.

Ich verfüge über die Lehrerqualifikation Cambridge CELTA (Certificate of English Language Teaching Association) und habe einen Abschluss für TESOL (Lizenziat des Trinity College London, Diplom für den Englischunterricht von Nicht-Muttersprachlern). Dieser TESOL Abschluss ist in England durch die Qualifications and Curriculum Authority als ein Abschluss der Stufe 7 im Rahmen des nationalen Qualifikationsrahmens in Großbritannien anerkannt, also auf der gleichen Stufe wie ein Master-Abschluss in den entsprechenden Fächern. Dieser Abschluss wird vom British Council vollständig als Qualifikation für den Unterricht von Englisch als Fremdsprache in seinen akkreditierten Lehrorganisationen in Großbritannien und seinen eigenen Lehrinstituten im Ausland anerkannt. Ich habe außerdem einen M.A.-Abschluss in Osteuropawissenschaften der Freien Universität Berlin. Nachweise zu all den genannten Qualifikationen können, falls nötig, beigebracht werden.

Die Einstufung anhand des CEFR ist das am weitesten verbreitete Instrument in Europa, um Sprachkompetenz zu messen. Unterlagen, die von Sprachschulen veröffentlicht werden, verweisen in der Regel darauf, um den Lernern zu vermitteln, auf welchem Level sie sich befinden, um ihre Kurse zu bewerben und um Kursinhalte und Lehrpläne zu gestalten. In den Unterlagen des Wall Street Institute wird der CEFR nicht erwähnt, was mich überrascht. Dem Innencover kann ich entnehmen, dass diese Unterlagen in China gedruckt und gebunden und 2008 für China und für Luxemburg urheberrechtlich geschützt wurden. Ich vermute, dass das Wall Street Institute kein Interesse daran hatte, Zeit und Geld in eine europäische Ausgabe der Unterlagen zu investieren. Heutzutage nutzen fast alle Materialien, die für den europäischen Markt erstellt werden, den CEFR als Referenzrahmen, dies gilt unter anderem für Unterlagen, die von Oxford University Press, Cambridge University Press, Pearson, Macmillan usw. herausgegeben werden.

Ich wurde von Frau Ina Koys, einer ehemaligen Schülerin von mir, gebeten, die Unterlagen „Wall Street Institute Threshold 2“ zu bewerten. Ich habe diese Unterlagen in einem versiegelten Umschlag erhalten, der vor der Zustellung an mich nicht geöffnet wurde. Diese Unterlagen sollen zusammen mit dem Material auf einer Online-Lernplattform genutzt werden, das kennwortgeschützt ist und daher nicht für eine Überprüfung zur Verfügung steht.

In Bezug auf das Wall Street English Material würde ich die gedruckten Unterlagen als geeignet für die Stufen B1-B2 erachten, aber nicht für mehr. Für einen Lerner mit Kenntnissen der Stufe C1 oder C2 ist dieses Material nicht geeignet – hier gibt es nichts, was die Kompetenz eines C1 oder C2 Lerners erweitern oder fordern würde. Das Material wurde nach erkennbaren Formeln erstellt, aber es lässt sich nur geringe pädagogische Kenntnis oder Erfahrenheit feststellen. So gibt es zum Beispiel keine kommunikativen Aktivitäten in den mir ausgehändigten Unterlagen, und obgleich das Wall Street Institute darauf verweist, dass es eine „natürlichere“ Methode des Sprachenlernens vermittelt, orientiert sich das Material doch überwiegend an traditioneller Verbformen-Grammatik. Weiterhin ist ein deutlicher Mangel bezüglich der Vielfalt der Aufgabenarten festzustellen, sowohl im Handbuch für den Schüler als auch in dem Arbeitsheft „Grammar in Action“, und es fällt zudem schwer zu erkennen, ob ein „methodisches“ Konzept die Grundlage bildet und in welchem Zusammenhang dies mit zeitgemäßen Auffassungen von Theorien zum Sprachenlernen und zum Fremdsprachenerwerb (SLA Theorie) stünde, ein Zusammenhang, der anderen Kursunterlagen zugrunde liegt, die aktuell auf dem Markt sind.

Zudem findet sich im Arbeitsheft „Grammar in Action“ die folgende Aussage: „Durch die Methode des Wall Street Institute lernen Sie Englisch auf eine natürliche Art und Weise ähnlich der, wie Sie Ihre Muttersprache gelernt haben“. Jedoch kann ich nirgendwo sonst Nachweise für einen methodischen Ansatz zum Sprachenlernen finden. Was ich sehe ist lediglich eine Vorlage, die dem Muster von Vokabeln, Grammatik und Funktionen folgt.

Wenn man sich darüber hinaus den CEFR/GER im Einzelnen anschaut, wird man feststellen, dass die Stufe Threshold (so wie sie von den Autoren des CEFR definiert wird) eine von sechs weit gefassten Stufen ist und in der Tat der Stufe B1 entspricht. Die Stufen sind: „Anfänger (Breakthrough)“, „Grundlegende Kenntnisse (Waystage)“, „Fortgeschrittene Sprachverwendung (Threshold)“, „Selbstständige Sprachverwendung (Vantage)“, „Fachkundige Sprachkenntnisse (Effective Operational Proficiency)“ und „Annähernd muttersprachliche Kenntnisse (Mastery)“ (siehe hierzu S. 32 des CEFR Rahmendokuments unter http://www.coe.int/t/dg4/linguistic/cadre1_en.asp). Die Stufen C1 und C2 entsprechen also fachkundigen Sprachkenntnisse und annähernd muttersprachlichen Kenntnisse. Es wäre daher falsch, eine Stufe Threshold (fortgeschrittene Sprachverwendung) zu nennen und diese als entsprechend für Lerner der Stufen C1/C2 zu definieren.

Im Großen und Ganzen kann ich nicht ersehen, welchen Nutzen Lerner der Stufen B1/B2 und darüber hinaus aus diesem Material ziehen können – auch wenn das Material von einem erfahrenen Lehrer im Unterricht eingesetzt würde. Für europäische Lerner enthält es weder einen Verweis auf das alte Einstufungssystem (z.B. Anfänger, Anfänger mit Vorkenntnissen usw.) noch auf den CEFR/GER an sich. Daher kann es passieren, dass der Lerner weiterhin Kurse des Wall Street Institute besucht, ohne Kenntnis von dessen Sprachkompetenz zu haben, was alarmierend ist. Lerner können auch nur schwer die vom Wall Street Institute angebotenen Dienstleistungen mit denen anderer Sprachschulen vergleichen. Mir fiel außerdem als ungewöhnlich auf, dass es keine Themenstellungen für die einzelnen Lehreinheiten gibt, wobei ich jedoch davon ausgehe, dass dies Teil des Online-Kurses ist. Im allgemeinen Vergleich des Inhalts dieser Unterlagen mit denen, die bei anderen Sprachlernzentren zum Einsatz kommen, fällt das Urteil äußerst negativ aus.

Diese Einschätzung der Wall Street English Unterlagen wurde aufgrund meiner Sachkenntnis durchgeführt und stellt einzig meine eigene Bewertung der Unterlagen als Unterrichtsmaterial dar. Ich würde weder diese Unterlagen noch ein Sprachlernzentrum, das mit diesen Unterlagen arbeitet, einem meiner Teilnehmer empfehlen.

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