Das Lernen bei Wall Street und sein Konzept

Der Hauptteil des Lernens soll im Internet stattfinden, wie einem mitgeteilt wird. Es schwang aber auch die Andeutung mit, dass die meisten es trotzdem im Trainingscenter am dortigen Computer täten. Nach dem Einloggen auf fraglichen Webseite wurde dann auch klar, warum das so ist. Man muss diverse Einstellungen auf seinem Computer treffen, die einen normalen Anwender leicht abschrecken. Und man muss sie immer und immer wieder neu treffen, denn im Jahre 2013 funktionierte das Interface, die Trainingswebseite also, nur mit antiquierten Softwarevoraussetzungen fehlerfrei, die ungefähr 10 Jahre vorher aktuell waren. Die Teilnehmer denken sehr wahrscheinlich, sie hätten etwas falsch gemacht und gehen - da sie großenteils wegen Hartz 4 ohnehin genug Zeit haben - lieber ins Trainingscenter als sich für vermeintlich unfähig erklären zu lassen.

Anfangs dachte ich noch, Wall Street würde mir tatsächlich nicht glauben, dass ich das von ihnen angebotene Niveau vor Jahrzehnten hinter mir gelassen habe. Ich setzte mich also abende- und nächtelang hin und ackerte ein Niveau nach dem anderen durch. 20 Stunden lang fast nur Nachplappern bekannter Vokabeln, kein Erklären, nur Abfragen. Irgendwann, so dachte ich, würde man in sich gehen und mich passend einstufen. Ein Anruf bei WSI bei dem inzwischen gewechselt habenden Bearbeiter belehrte mich aber eines Besseren. Ich habe das zu nehmen, was man mir vorsetze, fertig. Wenn ich damit nicht zufrieden sei, wäre das mein Problem. Unter keinen Umständen gebe es Geld zurück. Eine Kündigung käme überhaupt nicht in Frage, schließlich wäre es eben kein wichtiger Grund im Sinne des Gesetzes, wenn ein geschlossener und vollständig im Voraus bezahlter Ausbildungsvertrag keinen Lernstoff anbietet. Irgendwelche Fristen wären völlig egal, denn sie seien ausgeschlossen. Ganz spürbar war ihm klar, dass er keine Ware hat, von der man mich irgendwie überzeugen könnte. Er verbarrikadierte sich hinter dem Vertrag und fertig.

Ich ging zur Verbraucherzentrale und zahlte für eine Rechtsberatung. Dort teilte man mir mit, dass es aus dem Vertrag in der Tat keinen regulären Ausstieg gäbe, aber so etwas wie ich gerade erlebe, das könne man sich kaum vorstellen. Wall Street wäre doch ein seriöses Unternehmen - die wollten mir bestimmt nichts Böses, ich sollte einfach noch mal mit denen reden und vielleicht mit dem Gericht drohen - das wollten die bestimmt nicht und dann würde alles wieder gut.

Was das Kurskonzept angeht, hätte ich eigentlich gewarnt sein müssen. Man kann von einem Unternehmen, dass sich nach der Wall Street benennt, nur amerikanische Kurskonzepte erwarten. Amerikanische Ausbildung, das heißt 4-Stufen-Methode, die in der Realität, wie man sie auch in IT-Kursen führender US-Anbieter findet, normalerweise um die Komponente "Erklären" reduziert wird. Eine Berufsausbildung im uns vertrauten Sinne findet in den USA nicht statt, was nicht Studium ist, ist anlernen. Vormachen - nachmachen - einüben - fertig. Reine Mechanik, kein Denken. Für Handwerksberufe und Aushilfstätigkeiten mag das funktionieren, dafür wurde sie auch erfunden. Für komplexe Zusammenhänge ist so ein Verfahren aber nicht geeignet. Und eine Sprache ist komplex. Wirklich gut wäre, wenn z.B. die bis zum wirklichen Erlernen eines Wortes unerlässliche Wiederholung zu geeigneten Zeiten vom Computer gesteuert würde. Aber das ist ein Element wirklicher Interaktion, die hier nicht vorgesehen ist. Keine Einflussnahme durch den Lernenden. Wie zu unserer Großeltern Zeiten, nur eben mit Computer.

Es gibt zu der jeweiligen Stufe auch ein Kursheft und noch ein kleines zur Grammatik. Ich habe sie nicht benutzt, weil ich über diese Stufe wie erwähnt schon eine Weile hinweg bin. Als es zum Prozess kam, habe ich beides einem Gutachter vorgelegt. Seine Meinung dazu kann man hier nachlesen.

Eins ist jedenfalls ganz offensichtlich: das Konzept ist klar orientiert auf Teilnehmer, die nicht selbst zahlen, vielleicht noch nicht einmal freiwillig lernen. Jeder kleinste Übungsteil ist nummeriert, so dass jederzeit Rechenschaft gegeben werden kann, dass Teilnehmer xy gerade bei Nr. soundso angekommen ist und soundsoviel Stunden beim Online-Lernen mit demunddem Ergebnis verbracht hat. Die absolute Kontrolle. Für Auftraggeber, die ihren Leuten misstrauen, das Mittel der Wahl. Schließlich wollen (und sollen) sie ja sehen, wo ihr Geld bleibt. Für jemanden, der aber selber lernen will, ist das System gänzlich ungeeignet, da das nummerierte Korsett nicht verlassen werden kann. Es wird dem Teilnehmer grundsätzliche jede Kompetenz abgesprochen, seine Lerninhalte in geringster Weise zu steuern. In einem langweiligen Unterricht kann man auf Durchzug schalten oder auch gar nicht hingehen - hier geht das nicht. Es kann und darf nichts ausgelassen werden. Niemanden hier interessiert, was man bereits kann oder was vielleicht nicht erforderlich ist.

Natürlich kann man wie ich eine ganze Stufe komplett abschließen, indem man eine Online-Lektion (=Prüfung) nach der anderen herunterreißt. Dass man allein damit nicht in ein höheres Niveau aufsteigen kann stimmt nicht, man bekommt nur keine Bestätigung dafür, die man irgendwo vorzeigen könnte. Alle paar Minuten fordert einen das Interface dann auf, jetzt ein sogenanntes 'Encounter' einzulegen. Dabei soll man mit einem Mitarbeiter eine Stunde lang über den gerade absolvierten Stoff reden. Zu meiner Zeit war die Wartezeit darauf nur ausnahmsweise kürzer als ein Monat. Eigentlich nur dann, wenn jemand abgesagt hat. Am Ende jedes Kursteils oberster Nummerierung muss man sogar dorthin und vor allem dann, wenn man doch einen Punkt erreicht hat, ab dem es vielleicht nützlich wäre doch einmal ins Buch zu schauen. Denn ohne den Segen des Encounters kein neues Buch. Für mich hieß das im Klartext, ich muss 4 Stunden lang irgendwelchen Leuten noch einmal das runterbeten, das mich schon vorher 20 Stunden lang zu Tode gelangweilt hat, weil ich es seit 25 Jahren kann und es absolut niemanden außer Wall Street gibt, der sich für die Durchführung und das Ergebnis des Encounters interessiert. Ich hatte mit dem Vertrag also nicht etwa das Recht erworben etwas zu lernen, sondern die Pflicht, Wall Street Institute meine Zeit zu opfern, die ich eigentlich sinnvoll verbringen wollte. Das Geld war schon viel - schließlich bekommt man für den Betrag auch seriöse Ausbildung - aber auch noch meine Zeit, das war eindeutig zu viel verlangt.

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